Listenart | religiöse Denkmäler |
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Listennummer | 562 |
Baujahr | 1895 |
Eingetragen seit | 05.03.2025 |
Flur / Flurstück | 102/1122 |
Adresse |
Hoserkirchweg 45
41747 Viersen |

Baujahr: 1895
Entwurf: Carl Schnitzler, Bauunternehmer
Die ehemalige evangelische Friedhofshalle wurde im Jahr 1895 im Kontext der (evangelischen) Friedhofserweiterung des Friedhofs Löh in Viersen nach einem Entwurf des Viersener Maurermeisters und Bauunternehmers Carl Schnitzler errichtet. Dieses eingeschossige Backsteingebäude, das aus einem breiten Querflügel und einem rückseitig ansetzenden Längsflügel besteht, kann mit seinen dezent eingesetzten neuromanischen Zierelementen als typisches Beispiel der Architektursprache um 1900 gelten. Heute wird es als Kolumbarium genutzt.
Lage
Die ehemalige evangelische Friedhofshalle liegt im östlichen Teil der sich heute L-förmig entlang des Löhwegs und dem Hoserkirchweg bzw. „Zu den Mühlenkirchen“ erstreckenden Friedhofsanlage. Unmittelbar südlich der Friedhofshalle beginnt das Gelände des Allgemeinen Krankenhauses Viersen, nördlich erstreckt sich der älteste Teil des Friedhofs aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Friedhofsareal liegt auf einem sanft ansteigenden Höhenkamm, der den historischen Ortskern um etwa 20 bis 30 Meter überragt. Zur direkten Erschließung der Halle dient ein in gerader Richtung von Osten her auf sie zuführender, gepflasterter Weg, auf den man über das ehemalige evangelische Friedhofsportal gelangt. Die Halle selbst steht auf einer kleinen, sich trichterförmig erweiternden und heute gepflasterten Platzanlage, die von Grünflächen, Hecken, Sträuchern und Bäumen umgeben ist.
Geschichte
Viersens alter katholischer Friedhof, dessen Tradition als Bestattungsplatz bis ins Früh-mittelalter zurückreicht, lag bis ins 19. Jahrhundert in unmittelbarer Umgebung der katholischen Pfarrkirche St. Remigius. Kirche und Kirchhof bildeten über das gesamte Mittelalter und die Frühe Neuzeit eine Einheit, die auch während der französischen Besetzung (1794–1815) und preußischen Zeit (ab 1815) – anderslautenden Gesetzesvorschriften zuwider – nicht aufgelöst wurde. Selbst, als im Zuge der rasant ansteigenden Bevölkerungsentwicklung im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts der alte Friedhof längst zu klein geworden war, entschied man sich statt einer Verlegung 1827/28 zunächst für eine Erweiterung des Kirchhofs nach Osten. Noch in den Jahren 1841/42 erfolgte eine letzte Erweiterung des alten Bestattungsplatzes. Bald jedoch zeichnete die sich nicht nur aus platztechnischen, sondern auch aus hygienischen Gründen nicht mehr haltbare Situation des Friedhofs ab.
Als neuen Bestattungsplatz wählte man die „Löh“, eine westlich außerhalb der Stadt gelegene Erhebung. Der neue Friedhof wurde im Jahr 1866 geweiht, die Weihe der katholischen Friedhofskapelle erfolgte zwei Jahre später. Der neue Friedhof überstieg die Grundfläche der alten innerstädtischen Anlage um ein Vielfaches und entsprach zudem mit der parkartigen Gestaltung dem aktuellen Standard seiner Zeit.
In seiner heutigen Gestalt ist der Friedhof Löh ebenfalls das Ergebnis einer mehrfachen Erweiterung und Umgestaltung, allerdings ist sein ältester Kern mit katholischer Friedhofskapelle, katholischem Friedhofsportal und dem 1896 hinzugekommenen Friedhofskreuz aufgrund der rechtwinkligen Wegeführung noch zu erahnen.
Nachdem der alte evangelische Friedhof östlich der evangelischen Pfarrkirche an der Viersener Hauptstraße als Bestattungsplatz nicht mehr ausreichte, beschäftigte sich die evangelische Gemeindevertretung ab 1889 mit der Findung eines neuen Begräbnisplatzes. Im Februar des Jahres 1891 beauftragte die evangelische Gemeindevertretung den Friedhofsausschuss, bestehend aus dem Mitgliedern des Presbyteriums, zur Verhandlung mit der Stadt Viersen über Größe, Ort und Einfriedung des neuen Begräbnisplatzes sowie den Bau einer Trauerhalle zur Durchführung von Trauergottesdiensten zu verhandeln. Da die evangelische Gemeinde nur Pächter des ansonsten im städtischen Besitz befindlichen Friedhofsteils war, finden sich im evangelischen Gemeindearchiv keine weiteren Unterlagen über den Bau. Auch gibt es keine städtischen Bauakten zu seiner Errichtung. Allerdings geht aus einem Auszug aus dem Protokollbuch der Stadtverordnetenversammlung vom 27. Juli 1891 hervor, dass der Mauermeister und Bauunternehmer Carl Schnitzler mit dem Entwurf und der Ausführung der Friedhofshalle beauftragt wurde. Der Bau sollte ursprünglich im Jahr 1892 ausgeführt werden. Aus den Akten des evangelischen Gemeindearchivs sowie aus Zeitungsartikeln kann jedoch ermittelt werden, dass die Errichtung erst 1895 erfolgte. Der alte evangelische Friedhof wurde im Jahr 1893 geschlossen, die Einweihung des neuen erfolgte am 30.7.1895. Bei der Planung des neuen Friedhofsgeländes achtete man bei der Wegeführung aber offenbar auf einen Achsbezug zwischen dem zeitgleich errichteten Friedhofsportal am Hoserkirchweg und der evangelischen Friedhofshalle. Diese beiden Bauten wurden als Pendants zum älteren, 1866/67 begründeten katholischen Friedhofsteil errichtete, allerdings fällt die dortige neugotische Friedhofskapelle deutlich repräsentativer aus als die evangelische Friedhofshalle.
Über die weitere Nutzungsgeschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist wenig bekannt. Gut ein halbes Jahrhundert nach ihrer Errichtung befand sich das Gebäude aber offenbar in schlechtem Zustand. Dies geht aus einem Presbyteriumsprotokoll vom 19.11.1953 hervor, in dem sich der Kirchmeister Ernst Greef über den Zustand beklagt. Zeitweise wurde die Friedhofshalle in dieser Zeit wohl auch als Lagerort für Leinenstoffe genutzt. Das Presbyterium und Pfarrer Jüngst beantragen daraufhin die Instandsetzung der „Leichenhalle“. Die Verstorbenen sollten im nahegelegenen Krankenhaus bis zur Bestattung aufgebahrt werden. Ihre Funktion als Ort für Begräbnisfeiern dürfte der Bau spätestens mit der Einweihung der in den Jahren 1966/67 nach einem Entwurf von Heinz Döhmen errichteten, modernen Trauerhalle eingebüßt haben. Seit 2004 wird die evangelische Friedhofshalle als Kolumbarium für Urnenbestattungen genutzt.
Beschreibung
Der aus Backstein errichtete Bau stellt sich von seiner Haupterschließungsseite im Osten als rechteckiger Querriegel von vier Achsen mit einem durch einen stumpfen Giebel betonten Mittelteil dar. Auf der Westseite des Baus erstreckt sich ein weiterer rechteckiger Flügel. Der Eindruck der Außenfassade wird wesentlich vom rostroten Backsteinmauerwerk bestimmt, aus dem auch die dezent eingesetzten historistischen Zierformen bestehen. Die rundbogigen Fensteröffnungen und Eingänge sowie die um den gesamten Bau umlaufenden Rundbogenfriese entsprechen dem zeittypischen neuromanischen Architekturstil. Die Satteldächer des Querflügels, des Mittelteils und des Westflügels besitzen eine identische Trauf- und Firsthöhe, sodass sie einander durchdringen. In der Aufsicht auf das Gebäude entsteht somit der Eindruck eines kreuzförmigen Grundrisses mit gekapptem östlichen Kreuzarm.
Der schmale Sockel des Baus besteht aus einer Reihe hochgestellter Ziegel, wobei im Vergleich zu einer historischen Ansicht der Friedhofshalle deutlich wird, dass das Außenniveau der heutigen gepflasterten Platzanlage um etwa 15 Zentimeter höher liegt als zur Entstehungszeit des Baus. Als vertikale Gliederungselemente der Fassade dienen bis auf Traufhöhe hochgezogene Wand- bzw. Eckpfeiler sowie flache Lisenen.
Die Haupterschließungsseite ist durch zwei Wandpfeiler in drei unterschiedlich breite Zonen unterteilt. Der durch den Giebel zusätzlich herausgehobene, breitere Mittelteil besitzt zwei hohe Rundbogenfenster mit steinernen Sohlbänken. In den beiden äußeren Zonen liegen Eingänge, die zur Erschließung des Querriegels dienen. Diese sind analog zu den Rundbogenfenstern gestaltet und heute über eine Stufe zu erreichen. Die Ecken des Querriegels und des rückseitigen Westflügels sind mit über Eck gestellten Wandpfeilern besetzt. Als zusätzlicher Fassadenschmuck jedes Wandfeldes dient der bereits erwähnte Rundbogenfries auf einfach gestuften Konsolen, der auch die Schräge der Giebelseiten mit aufnimmt und zu den Seiten der jeweiligen Wandfelder in schmucklosen Lisenen endet. Die Mittelachse der Ostseite ist durch eine Konsole am Treffpunkt der aufsteigenden Rundbogenfriese und eine weitere Konsole am Firstpunkt des Giebels betont. Unterhalb der Traufe verläuft um den gesamten Bau ein gestuftes, um die Wandpfeiler verkröpftes Dachgesims. Der Vergleich zur bereits erwähnten historischen Aufnahme zeigt, dass die Dacheindeckung zwischenzeitlich erneuert wurde.
Der rückseitige Ostflügel des Gebäudes besitzt auf seiner Nordseite einen eigenen Eingang. Zur Belichtung dieses Raums dient ein Rundbogenfenster auf der gegenüberliegenden Seite sowie zwei vermutlich im Zuge der letzten Dacherneuerung eingefügte Oberlichter in den Dachschrägen. Sämtliche Fenster und Türen dürften noch aus der Errichtungszeit stammen. Die Rahmen der mit Milchglas besetzten Fenster bestehen aus Holz und besitzen zwei Flügel und ein halbrundes Oberlicht. Sie lassen sich über eine eiserne Hebelvorrichtung öffnen. Die Türen sind im oberen Teil ebenfalls durchfenstert und besitzen eine analoge Gestaltung zu den Fenstern. Die Türflügel sind außen jeweils durch einen als schlanker Pilaster gestalteten Mittelpfosten getrennt. Die Zone unterhalb der Fenster ist durch eine hölzerne Kassettierung bereichert. Die Türklinken sind gusseisern.
Der Innenraum des Querflügels ist flach gedeckt und mit zwei verputzten Unterzügen zur Stützung der Satteldächer versehen. Der mit achteckigen weißen und quadratischen, über Eck gestellten schwarzen Fliesen ausgestaltete Bodenbelag gehört wohl ebenfalls noch zum bauzeitlichen Bestand. Auch die Raumgliederung dürfte gleichgeblieben sein. Darauf deuten zumindest die separaten Eingänge zu den anderen Räumen hin.
Begründung des Denkmalwerts
Die evangelische Friedhofshalle bildete in ihrer Funktion als Ort von Begräbnisfeiern der evangelischen Kirchengemeinde einen essentiellen Bestandteil des gegen Ende des 19. Jahrhunderts vollzogenen evangelischen Friedhofserweiterung auf der Löh. In diesem Sinne ist sie als zeittypische Vertreterin der Bestattungspraxis in den industrialisierten Städten des späten 19. Jahrhunderts bedeutend für die Geschichte des Menschen.
Mit der Aufgabe des letzten innerstädtischen Friedhofs der evangelischen Gemeinde im Jahr 1893 wurde die bis dahin selbstverständliche Zusammengehörigkeit von Pfarrkirche und Friedhof aufgelöst. Die Bestattungen verlagerten sich nun an den Stadtrand. Nach wie vor fanden sie in einem umfriedeten Areal statt, dieses war allerdings gegenüber den beengten innerstädtischen Verhältnissen erheblich aufgelockert und in eine weitläufige Grünanlage integriert. Diese Entwicklung lässt sich im 19. Jahrhundert allgemein feststellen und erfolgte in den wachsenden Städten des Industriezeitalters nicht nur aus Platzgründen, sondern auch aus hygienischen Überlegungen. Zudem entsprachen die weitläufigen Friedhöfe mit ihren parkartig gestalteten Grünanlagen den stadtplanerischen Idealen dieser Zeit sowie auch einem allgemeinen Bedürfnis der Naherholung.
Die Bedeutung dieser Bestattungskultur wurde auch von der UNESCO-Kommission erkannt: Seit 2020 ist die Friedhofskultur in Deutschland als immaterielles Kulturerbe gelistet. In der heutigen Nutzung der evangelischen Friedhofshalle als Kolumbarium spiegelt sich sowohl die Wandlung der Bestattungspraxis, als auch eine Kontinuität als Ort der Trauer um die Verstorbenen.
In ihrer zentralen Funktion für die Friedhofserweiterung ist die evangelische Friedhofshalle pars pro toto zugleich bedeutend für Städte und Siedlungen: Die notwendige Erweiterung des Friedhofsareals verdeutlicht auf eindrückliche Weise die Siedlungsentwicklung Viersens von einem kleinteiligen Dorf zu einer industrialisierten Stadt mit einem außerhalb des Stadtkerns gelegenen Bestattungsplatz.
Für die Erhaltung und Nutzung der Friedhofshalle liegen zudem wissenschaftliche Gründe vor. Obwohl die evangelische Christengemeinde in Viersen wie auch insgesamt am Niederrhein traditionell eine Minderheit darstellte, reichen ihre Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurück. Im 17. und 18. Jahrhundert hatte der Protestantismus abhängig von den jeweiligen Entwicklungen des Dreißigjährigen Kriegs bzw. des Spanischen Erbfolgekriegs zu bestimmten Zeiten Konjunktur und damit verbunden die Möglichkeit einer öffentlichen Repräsentation etwa in Form von öffentlich sichtbaren Begräbnisplätzen und Grabsteinen. Seit 1705 konnte sich die Reformierte Gemeinde erst unter holländischem und dann unter preußischem Schutz dauerhaft etablieren. Eine rechtliche Gleichstellung erhielt die pro-testantische Bürgerschaft Viersens jedoch erst unter französischer (1794–1814) und anschließend unter preußischer Herrschaft (ab 1814). Während des 19. Jahrhunderts erzielten im Zuge der Industrialisierung gerade protestantische Industrielle große ökonomi-schen Erfolge. Dem entsprechend wuchs zusammen mit der erheblich steigenden Bevöl-kerungszahl auch das Selbstbewusstsein und der Einfluss der evangelischen Gemeinde auf die Entwicklung der Stadt. So wurden etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts neue evangelische Institutionen und Vereine gegründet, darunter mehrere Schulen und Jugendvereine. Im Jahr 1872 erfolgte der Neubau des Pfarrhauses anstelle des alten Predigthauses. Nur wenige Jahre später, in den Jahren 1878 bis 1879, wurde mit dem Bau einer neuen, das Stadtbild bis heute prägenden neugotischen Pfarrkirche an der Viersener Hauptstraße begonnen. Der Bau dieser nach Plänen des Architekten August Hartel errichtete Kirche mit ihrer Westfassade aus Rotsandstein wurde auch durch die finanziellen Zuwendungen wohlhabender Gemeindemitglieder ermöglicht. Seit 1825 befand sich östlich des Kirchgrundstücks der evangelische Friedhof. Nach etwa sechzigjähriger Nutzung zeichnete sich jedoch ab, dass der Platz bald nicht mehr ausreichen würde. Eine Erweiterung kam aufgrund des begrenzten innerstädtischen Bauplatzes anscheinend nicht in Frage, sodass man sich 1889 schließlich für eine Erweiterung des 1866/67 begründeten Friedhofs auf der Löh um einen evangelischen Teil entschied. In diesem Zusammenhang stellt die evangelische Friedhofshalle einen zentralen Bestandteil zum Verständnis der Entwicklung der evangelischen Gemeinde und ihrer Bestattungspraxis sowie zum Verständnis der geschichtlichen Entwicklung Viersens im Allgemeinen dar.
Hinzu kommen architekturgeschichtliche Gründe, wegen des Zeugniswerts für eine relativ einfache aber zeittypische Friedhofsarchitektur des späten 19. Jahrhunderts.
Schutzumfang
Aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte des Menschen und für die Stadt Viersen sowie aus wissenschaftlichen, städtebaulichen, religions-, architektur- und stadtgeschichtlichen Gründen handelt es sich bei der evangelischen Totenhalle gemäß §2 Denkmalschutzgesetz NRW um ein Baudenkmal. An ihrer Erhaltung und Nutzung besteht ein Interesse der Allgemeinheit.
Quellen
Akten des Evangelischen Gemeindearchivs Viersen (Recherche und Auskunft durch Karin Klaue).
Stadtarchiv Viersen, Auszug aus dem Protokollbuch der Stadtverordneten-Versammlung vom 27. Juli 1891.
Stadtarchiv Viersen, Adressbuch der Stadt Viersen nebst Wohnungs- und Geschäftsanzeiger (1895/96), Viersen 1895.
Zeitungsartikel, Viersener Bürgerzeitung vom 11.11.1891.
Literatur
Tamm, Horst (Hg.): Die evangelische Kirchengemeinde in Viersen. 300 Jahre Gemeindeleben 1705–2005, Duisburg 2004.
Tamm, Horst / Klaue, Karin: Der alte evangelische Friedhof in Viersen. Geschichte und Restaurierung, in: Heimatbuch Kreis Viersen, 72 (2021), S. 327–344
Stand
Johanna Beutner/ Dr. Marco Kieser
Wissenschaftliche Referenten/ Inventarisation
LVR/ Amt für Denkmalpflege im Rheinland
Objektbegehung am 23.10.2024