Ehemalige katholische Friedhofshalle - Friedhof Löh

Baudenkmal Details
Listenart religiöse Denkmäler
Listennummer 563
Baujahr 1868
Eingetragen seit 05.03.2025
Flur / Flurstück 102/1122
Adresse
Hoserkirchweg 45
41747 Viersen
Ehemalige katholische Friedhofshalle - Denkmal 563
Bauherr: Stadt Viersen
Baujahr: 1868

Die ehemalige katholische Friedhofskapelle wurde im Jahr 1868 im Zuge der Anlage des neuen katholischen Friedhofs auf der Löh in Viersen errichtet. Dieses eingeschossige, im Grundriss längsrechteckige Backsteingebäude mit seiner aufwändigen Fassadengestaltung auf der Eingangsseite im Osten, repräsentiert einen um die Mitte des 19. Jahrhunderts verbreiteten, sakralen Bautypus in neugotischen Formen. Heute wird der der Bau als Kolumbarium genutzt

Lage
Die ehemalige katholische Friedhofskapelle liegt im östlichen Teil des sich heute L-förmig entlang des Löhwegs und des Hoserkirchwegs bzw. „Zu den Mühlenkirchen“ erstreckenden Friedhofs. Das nordöstliche Areal mit der Kapelle im Zentrum bildet den ältesten Teil des Friedhofs. Unweit östlich der Kapelle befindet sich die moderne Trauerhalle, die in den Jahren 1966/67 nach einem Entwurf des Architekten Heinz Döhmen errichtet wurde. Das Friedhofsgelände selbst liegt auf einem sanft ansteigenden, „Löh“ genannten Höhenkamm, der den historischen Ortskern Viersens um etwa 20 bis 30 Meter überragt. Zur Erschließung der Kapelle dient ein von Nordosten kommender Weg der sich mit einem von Osten kommenden, nachträglich angelegten Weg trifft und dann in gerader Flucht auf die Kapelle zuführt. Dieser gerade Weg setzt sich nach Westen weiter fort und führt geradewegs auf ein Rondell zu, in dessen Zentrum ein 1896 errichtetes Friedhofskreuz steht. Die Kapelle selbst steht auf einer kleinen ovalen und heute gepflasterten Platzanlage, die von Grünflächen, Hecken, Sträuchern und Bäumen umgeben ist.

Geschichte
Viersens alter katholischer Friedhof, dessen Tradition als Bestattungsplatz bis ins Frühmittelalter zurückreicht, lag bis ins 19. Jahrhundert in unmittelbarer Umgebung der katholischen Pfarrkirche St. Remigius. Kirche und Kirchhof bildeten über das gesamte Mittelalter und die Frühe Neuzeit eine Einheit, die auch während der französischen Besetzung (1794–1815) und preußischen Zeit (ab 1815) – anderslautenden Gesetzesvorschriften zuwider – nicht aufgelöst wurde. Selbst, als im Zuge der rasant ansteigenden Bevölkerungsentwicklung im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts der alte Friedhof längst zu klein geworden war, entschied man sich statt einer Verlegung 1827/28 zunächst für eine Erweiterung des Kirchhofs nach Osten. Noch in den Jahren 1841/42 erfolgte eine letzte Erweiterung des alten Bestattungsplatzes. Bald jedoch zeichnete die sich nicht nur aus platztechnischen, sondern auch aus hygienischen Gründen nicht mehr haltbare Situation des Friedhofs ab.
Als neuen Bestattungsplatz wählte man die „Löh“, eine westlich außerhalb der Stadt gelegene Erhebung. Der neue Friedhof wurde im Jahr 1866 geweiht, die Weihe der Friedhofskapelle erfolgte zwei Jahre später. Der neue Friedhof überstieg die Grundfläche der alten innerstädtischen Anlage um ein Vielfaches und entsprach zudem mit der parkartigen Gestaltung dem aktuellen Standard seiner Zeit.

In seiner heutigen Gestalt ist der Friedhof Löh ebenfalls das Ergebnis einer mehrfachen Erweiterung und Umgestaltung, allerdings ist sein ältester Kern mit katholischer Friedhofskapelle, katholischem Friedhofsportal und dem 1896 hinzugekommenen Friedhofskreuz aufgrund der rechtwinkligen Wegeführung noch zu erahnen.

Beschreibung
Die ehemalige katholische Friedhofskapelle ist ein längsrechteckiger, von einem Satteldach überspannter Backsteinbau, der im Inneren in einen Haupt- und einen rückseitigen Nebenraum unterteilt ist. Die Längsachse des Baus verläuft in westsüdwestlicher bzw. ostnordöstlicher Richtung, mehr oder weniger parallel zum Löhweg im Norden der Friedhofsanlage. Der Einfachheit halber wird im Folgenden lediglich von den Haupt-Himmelsrichtungen die Rede sein.

Die Haupterschließungsseite im Osten und die Westseite tragen eine vorgeblendete, dreiachsige Backsteinfassade in neugotischen Formen, deren Stufengiebel den Giebel des dahinterliegenden Satteldachs überragt. Alle Außenmauern bestehen aus dunkelrotem Ziegel. Architektonische Zierelemente sind durch gräulich oder gelblich gebrannte Ziegel hervorgehoben. Den gesamten Bau umgibt zudem ein umlaufender, ebenfalls aus Ziegeln gemauerter Sockel. Die Fugen sind meist mit hellgrauem Mörtel ausgeführt und mit Fugenstrich versehen. An den beiden Fassadenseiten kam zudem auch rötlicher, der Ziegelfarbe entsprechender Mörtel zu Einsatz.

Die Hauptfassade im Osten gliedert sich in drei vertikale Abschnitte, die durch zwei hohe, bis in das Giebelfeld reichende Wandpfeiler abgegrenzt sind. Zu den Außenseiten schließen niedrige, einfach gestufte Strebepfeiler mit Kaffgesims die Fassade ab. Der erhöhte Mittelteil wird von einem spitzbogigen Eingangsportal mit vollständig verglastem Tympanon und teilverglasten Türen dominiert. In die Seitenfelder sind zwei deutlich niedrigere Spitzbogenfenster in gleicher Proportion eingestellt. Die Laibungen sind durch die Verwendung gelblicher Ziegel zusätzlich hervorgehoben. Die Gewände bestehen aus einer Hohlkehle und einem vorgeblendeten profilierten Stab oberhalb der Bogenlaibung. Portal- und Seitenfelder werden von zwei schlanken, gräulichen Lisenen gerahmt, die einen Spitzbogenfries aufnehmen und zugleich als Stufe zu den angrenzenden Wandpfeilern dienen. Der Spitzbogenfries auf einfach gestuften Konsolen wird von einem Kaffgesims abgeschlossen und trennt das Portalfeld bzw. die Seitenfelder vom darüber ansetzenden, ebenfalls durch die beiden Wandpfeiler dreifach unterteilten Giebelfeld. Das mittlere Giebelfeld ist durch drei rhythmisch gestaffelte Nischen gegliedert. Die Giebelstufen selbst besitzen eine plastisch hervortretende Rahmung aus gelblichen Ziegeln. Auch die Ecken der Wandpfeiler sind durch aufgelegte Bänder aus gelben Ziegeln bereichert, die sich nach oben hin zu einem Nonnenkopf-Maßwerk verbinden.

Die Fassade auf der rückwärtigen Westseite ist analog zur Hauptfassade, nur in sehr viel reduzierteren Schmuckformen gestaltet. Anstelle eines zentralen Hauptportals ist hier le-diglich ein Blendbogen vor die Mauerschalung gesetzt. Farbliche Akzentuierungen, Friese und Gewände fallen auf dieser Seite weg. Lediglich die rechteckigen Rahmungen um die einzelnen Felder sowie die profilierte Rahmung der Giebelstufen wurden beibehalten.
Die Längsseiten der Kapelle sind durch einfach vorspringende Strebepfeiler in drei Joche unterteilt. Am östlichen Joch auf der Südseite befindet sich ein spitzbogiges Seitenportal, das in den hinteren Teil der zweigeteilten Kapelle führt. Die mit geometrischen Stäben verzierte Holztür dürfte inklusive aller Scharniere noch aus der Errichtungszeit der Kapelle stammen.

Jedes der Fenster und auch die durchfensterte Tür des Hauptportals ist durch eine Maßwerkverzierung aus Bleiruten unterteilt, in deren Felder teil farbige Glasscheiben eingestellt sind. Die vierbahnigen Fenster bilden im Couronnement Spitzbögen aus, die von zwei weiteren Bögen überfangen werden. Diese tragen einen stehenden Vierpass. Im verglasten Tympanonfeld über dem Haupteingang tritt dieses Schema in verdoppelter Form auf und wird von einem weiteren stehenden Vierpass bekrönt. Der zweiflüglige Eingang ist mit senkrechten Metallstäben vergittert, die im unteren Teil enger stehen und mit einem Metallkreuz verstärkt sind. Im oberen, durchfensterten Teil sind vor die Stäbe zwei konzentrische Kreise mit Vierpass im Innenkreis gesetzt.

Der Raumeindruck des Hauptraums wird von einer hohen, geknickten Holztonnendecke (gesprengte Dachbalkenkonstruktion mit aufgelegten Brettern) bestimmt. Der Fußboden besteht aus dunklen, wahrscheinlich erneuerten Steinplatten. Die Wände sind hell verputzt. Von der ursprünglichen Ausstattung dieser Kapelle hat sich nichts erhalten. Wie auch im Nebenraum ziehen sich entlang der Wände und hier auch in den Raum hinein die quadratisch übereinander angeordneten Einfassungen für die Urnenbestattungen.

Der Außenbau der Kapelle wurde in seiner Kubatur und Gestalt offenbar nie verändert, auch wenn es seit Ende des 19. Jahrhunderts Pläne für eine Erweiterung gab. Insofern entspricht die Kapelle in ihrem Erscheinungsbild noch dem Zustand ihrer Errichtung (1868).

Begründung des Denkmalwerts
Die katholische Friedhofskapelle bildet in ihrer Funktion als Ort von Begräbnisfeiern der katholischen Kirchengemeinde einen substantiellen Bestandteil der historischen Friedhofsanlage. In diesem Sinne ist sie als zeittypische Vertreterin der Bestattungspraxis in den industrialisierten Städten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bedeutend für die Geschichte des Menschen.

Mit der Aufgabe des innerstädtischen Friedhofs der katholischen Gemeinde im Jahr 1866 wurde die bis dahin selbstverständliche Zusammengehörigkeit von Pfarrkirche und Friedhof aufgelöst. Die Bestattungen verlagerten sich nun an den Stadtrand. Nach wie vor fanden sie in einem umfriedeten Areal statt, dieses war allerdings gegenüber den beengten innerstädtischen Verhältnissen erheblich aufgelockert und in eine weitläufige Grünanlage integriert. Diese Entwicklung lässt sich im 19. Jahrhundert allgemein feststellen und erfolgte in den wachsenden Städten des Industriezeitalters nicht nur aus Platzgründen, sondern auch aus hygienischen Überlegungen. Zudem entsprachen die weitläufigen Friedhöfe mit ihren parkartig gestalteten Grünanlagen den stadtplanerischen Idealen dieser Zeit sowie auch einem allgemeinen Bedürfnis der Naherholung.

Die Bedeutung dieser Bestattungskultur wurde auch von der UNESCO-Kommission erkannt: Seit 2020 ist die Friedhofskultur in Deutschland als immaterielles Kulturerbe gelistet. In der heutigen Nutzung der katholischen Friedhofskapelle als Kolumbarium spiegelt sich sowohl die Wandlung der Bestattungspraxis, als auch eine Kontinuität als Ort der Trauer um die Verstorbenen.

Als zentraler Teil der Friedhofsneuanlage der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist die Friedhofskapelle außerdem bedeutend für Städte und Siedlungen, hier die Stadt Viersen. Sie ist Gründungsbestandteil des Friedhofs, dessen Errichtung eine Folge war der äußerst dynamischen Siedlungsentwicklung Viersens von einem kleinteiligen Dorf zu einer industrialisierten Stadt mit einem außerhalb des Stadtkerns gelegenen Bestattungsplatz.

Für die Erhaltung und Nutzung der Friedhofkapelle liegen wissenschaftliche und künstlerische Gründe vor. Wie oben dargelegt, stellte die Gründung des neuen Friedhofs an der Löh im Jahr 1866 eine Zäsur für die Entwicklung der katholischen Gemeinde Viersens dar. Durch die Verlagerung des Friedhofs an den Stadtrand änderte sich die über viele Jahrhunderte gewachsene Bestattungspraxis dramatisch. Dies hatte bedeutende Auswirkungen auf das katholische Gemeindewesen und ebnete nicht zuletzt auch den Weg für eine Parallelentwicklung in der evangelischen Gemeinde Viersens, die sich wenige Jahrzehnte später mit der Auslagerung des evangelischen Friedhofs auf die Löh vollzog. Die Schaffung eines neuen Bestattungsplatzes veränderte die bisherige Siedlungsstruktur und prägt sie bis heute: Nach wie vor bildet der Löh-Friedhof eine großzügige, begrünte Freifläche am Viersener Stadtrand.

Hinzu kommen architekturgeschichtliche Gründe, wegen des Zeugniswerts für die Geschichte der Friedhofsarchitektur im mittleren und ausgehenden 19. Jahrhundert.
Als aufwändig gestalteter Bau in neugotischen Formen kann die Friedhofskapelle zugleich als zeittypischer Vertreter einer architektonischen Gattung (kleinformatiger Sakralbau) gelten. Ihre Erhaltung und Nutzung liegt daher auch aus künstlerischen Gründen im Interesse der Allgemeinheit.

Schutzumfang
Aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte des Menschen und für die Stadt Viersen sowie aus wissenschaftlichen, städtebaulichen, religions-, architektur- und stadtgeschichtlichen Gründen handelt es sich bei der katholischen Friedhofskapelle gemäß §2 Denkmalschutzgesetz NRW um ein Baudenkmal. An ihrer Erhaltung und Nutzung besteht ein Interesse der Allgemeinheit.

Quellen
Rheinischer Städteatlas Viersen, bearbeitet von Karl L. Mackes (Lfg. VI, Nr. 34), Köln 1980.
Zeitungsartikel, Viersener Bürgerzeitung vom 05.12.1891.
Zeitungsartikel, Viersener Volkszeitung vom 26.04.1896.
Zeitungsartikel, Viersener Zeitung vom 19.05.1914.

Literatur
Habersack, Michael: Der Remigius-Kirchhof. Lage und Entwicklung von Viersens altem katholischem Friedhof, in: Heimatbuch Kreis Viersen, 75 (2024), S. 131–146.

Stand
Johanna Beutner/ Dr. Marco Kieser
Wissenschaftliche Referenten/ Inventarisation
LVR/ Amt für Denkmalpflege im Rheinland
Objektbegehung am 23.10.2024