Ehemaliges evangelisches Friedhofsportal Friedhof Löh (Hoserkirchweg)

Baudenkmal Details
Listenart religiöse Denkmäler
Listennummer 564
Baujahr -
Eingetragen seit 05.03.2025
Flur / Flurstück 102/1122
Adresse
Hoserkirchweg 45
41747 Viersen
ehemaliges evangelisches Friedhofsportal Friedhof Löh - Denkmal 564
Bauherr: Stadt Viersen
Baujahr: 1895
Entwurf: Carl Schnitzler, Bauunternehmer

Das ehemalige evangelische Friedhofsportal wurde im Jahr 1895 im Zuge der evangelischen Erweiterung des Viersener Löhfriedhofs nach einem Entwurf des ortsansässigen Mauermeisters und Bauunternehmers Carl Schnitzler errichtet. Es handelt sich dabei um ein außerordentlich gut erhaltenes freistehendes Backsteinportal in neugotischen Formen, das auch heute noch zur Erschließung des nach wie vor genutzten Friedhofs von Osten dient.

Lage
Das ehemalige evangelische Friedhofsportal liegt an der Ostgrenze des heutigen Friedhofsbereichs und ist Teil der in den Jahren 1893–1895 vollzogenen evangelischen Friedhofserweiterung. Die Erschließung des Portals erfolgt heute wie auch zur Errichtungszeit über den Hoserkirchweg, der von Südwesten eine leichte Biegung nach Westen vollführt. Da das Portal nahezu exakt in Nord-Süd-Richtung verläuft, somit in gerader Flucht von Ost nach West durchschritten werden kann, befindet sich unmittelbar vor dem Tor ein dreieckiger Vorplatz, durch den die Freistellung des Portals zur Straße hin zusätzliche Betonung findet. Der durch das Portal führende Weg verläuft nach Westen und führt in gerader Linie auf die ehemalige evangelische Friedhofshalle zu. Durch die Kammlage des Löher Friedhofs führt dieser Weg außerdem leicht bergauf. Nördlich des Weges befindet sich heute der Parkplatz des Friedhofes. Ursprünglich lag in diesem Bereich eine Sandgrube, die noch auf der um 1902 angelegten Topographischen Karte Viersens verzeichnet ist. Bis heute lässt sich oberhalb dieser Stelle ein plötzlicher, durch die Abbruchkante der Sandgrube bedingter Geländeanstieg beobachten. Diesem besonderen topographischen Umstand ist es geschuldet, dass sich der Erschließungsweg des ehemaligen evangelischen Friedhofteils am südlichen Rand des Grundstücks entlangläuft.

Geschichte
Im Februar des Jahres 1891 beauftragte die evangelische Gemeindevertretung den Friedhofsausschuss, bestehend aus dem Mitgliedern des Presbyteriums, zur Verhandlung mit der Stadt Viersen über Größe, Ort und Einfriedung des neuen Begräbnisplatzes sowie den Bau einer Trauerhalle zur Durchführung von Trauergottesdiensten zu verhandeln. Den Entwurf für das neue Friedhofsportal legte der Viersener Bauunternehmer Carl Schnitzler bereits im Jahr 1891 vor. Die Kosten für den Bau beliefen sich laut dieses Entwurfs auf 1074 Mark.

Zur Erschließung des Geländes wurde ein von Osten kommender Weg angelegt, auf den man beim Durchschreiten des neugotischen Backsteinportals gelangte. Hierbei legte man offenbar Wert auf eine möglichst geradlinige Verbindung von Portal und Friedhofshalle, die ebenfalls im Jahr 1895 als eingeschossiger, längsrechteckiger Backsteinbau mit neuromanischen Dekorformen errichte wurde. Diesem Umstand ist es geschuldet, dass sich Tor und Halle aufgrund der topographischen Begebenheiten am Südrand des evangelischen Friedhofsareals befinden.

Zum Zeitpunkt ihrer Errichtung waren der evangelische und der katholische Friedhofsteil noch streng voneinander separiert. Insofern fungierten Tor und Friedhofshalle als Pendants zum wenige Jahrzehnte zuvor errichteten katholischen Ensemble. Fällt die Halle in ihrer architektonischen Ausformulierung eher bescheiden aus, lässt das Tor mit seiner sorgsam eingesetzten Materialität, seiner Inschriftentafel sowie den beiden Wappenschilden einen gehobenen Gestaltungswillen erkennen. Als sichtbares Zeichen nach außen erfüllte es demnach neben praktischen auch repräsentative Zwecke.

Seine Funktion als Eingangstor zum Friedhof hat es bis heute beibehalten, auch wenn es mittlerweile eine Reihe weiterer Zugangsmöglichkeiten zum Friedhof gibt und die Trennung von katholischem und evangelischem Teil heute nicht mehr existiert.

Beschreibung
Das ehemalige evangelische Friedhofsportal wurde 1895 als Backsteinbau in neugotischen Formen errichtet. Das Mauerwerk besteht weitestgehend aus rostrotem Backstein, lediglich Sockel, Mauerkronen und einige Detailformen sind aus Naturstein gefertigt. Die Gesamtform wird aus einem Treppengiebel von je vier Stufen gebildet, der von einer streng auf der Mittelachse liegenden, spitzbogigen Portalöffnung durchbrochen wird. Ein-fach gestufte Strebepfeiler auf gleicher Höhe der untersten Stufe des Giebels flankieren die Portalöffnung auf beiden Seiten. Das gesamte Portal gründet auf einem umlaufenden Sockel mit verkröpftem Sockelgesims aus grauem Naturstein. Die Mauerkronen besitzen satteldachförmige Aufbauten aus Naturstein, wahrscheinlich Sandstein. Die Firste besitzen eine Wulstverzierung und die Traufen sind mit Hohlkehlen als Kaffgesimse ausgebildet. Die Bedachungen der untersten Stufe und der Strebepfeiler sind aus einem einzigen Steinblock gearbeitet und unterscheiden sich in ihren Profilen von den übrigen Werksteinen. Zudem ist die Bedachung der Strebepfeiler giebelständig, während alle anderen Bedachungen traufständig sind. Die Hauptansichtsseite des Portals weist nach Osten zur Straße und zum kleinen Vorplatz hin.

Die Portalöffnung ist als dreistufiges, spitzbogiges Gewände ausgeführt. Sowohl die Schlusssteine als auch die Gewändesockel sind durch einen ockerfarbenen Sandstein in ihrer Materialität zusätzlich betont. Den oberen Abschluss des Spitzbogens flankieren zwei in den Stufengiebel eingelassene, als Hochrelief ausgearbeitete Werksteine aus demselben ockerfarbenen Sandstein. Die hochrechteckigen Steinplatten treten als Wappenschilde aus der Mauerflucht heraus. Ebenfalls erhaben ausgearbeitet ist auf dem linken Wappenschild das griechische „Α“ (Alpha) und auf dem rechten „Ω“ (Omega). In der christlichen Ikonographie treten diese Buchstaben häufig in Verbindung mit Christus (Majestas Domini oder Christusmonogramm) auf und stehen als Symbol für Anfang und Ende. Der eschatologische Bedeutungsgehalt dieser Buchstaben wird durch die das Portal bekrönende Inschriftentafel bekräftigt.

Der Text der Inschrift lautet:
„Sterben ist unser Loos, Auferstehung ist unsere Hoffnung! Errichtet 1895“.

Die längsrechteckige Tafel besteht aus demselben Material wie die Wappenschilde, ist jedoch leicht in die Mauer eingelassen.
Zum denkmalwerten Bestand gehören außerdem zwei schmiedeeiserne Portalflügel, die aus der Errichtungszeit des Portals stammen dürften und bis heute ihre Funktion beibehalten haben. Sie bestehen aus zwei Registern mit quadratischem, kreuz- und X-förmig vergittertem Mittelfeld, in das zwei konzentrische, stark von schmiedeeisernen Ornament-formen durchbrochene Kreise eingelassen sind. Den oberen Abschluss bildet eine Stab-reihe mit blattförmigen Spitzen und liegendem C-Dekor.

Historischer Kontext
Viersens alter katholischer Friedhof, dessen Tradition als Bestattungsplatz bis ins Frühmittelalter zurückreicht, lag bis ins 19. Jahrhundert in unmittelbarer Umgebung der katholischen Pfarrkirche St. Remigius. Kirche und Kirchhof bildeten über das gesamte Mittelalter und die Frühe Neuzeit eine Einheit, die auch während der französischen Besetzung (1794–1815) und preußischen Zeit (ab 1815) – anderslautenden Gesetzesvorschriften zuwider – nicht aufgelöst wurde. Selbst, als im Zuge der rasant ansteigenden Bevölkerungsentwicklung im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts der alte Friedhof längst zu klein geworden war, entschied man sich statt einer Verlegung 1827/28 zunächst für eine Erweiterung des Kirchhofs nach Osten. Noch in den Jahren 1841/42 erfolgte eine letzte Erweiterung des alten Bestattungsplatzes. Bald jedoch zeichnete die sich nicht nur aus platztechnischen, sondern auch aus hygienischen Gründen nicht mehr haltbare Situation des Friedhofs ab.
Als neuen Bestattungsplatz wählte man die „Löh“, eine westlich außerhalb der Stadt gelegene Erhebung. Der neue Friedhof wurde im Jahr 1866 geweiht, die Weihe der Friedhofskapelle erfolgte zwei Jahre später. Der neue Friedhof überstieg die Grundfläche der alten innerstädtischen Anlage um ein Vielfaches und entsprach zudem mit der parkartigen Gestaltung dem aktuellen Standard seiner Zeit (s.u.).

In seiner heutigen Gestalt ist der Friedhof Löh ebenfalls das Ergebnis einer mehrfachen Erweiterung und Umgestaltung, allerdings ist sein ältester Kern mit katholischer Friedhofskapelle, katholischem Friedhofsportal und dem 1896 hinzugekommenen Friedhofs-kreuz aufgrund der rechtwinkligen Wegeführung noch zu erahnen.
Obwohl die evangelische Christengemeinde in Viersen wie auch insgesamt am Niederrhein traditionell eine Minderheit darstellte, reichen ihre Wurzeln bis ins 16. Jahrhundert zurück. Im 17. und 18. Jahrhundert hatte der Protestantismus abhängig von den jeweili-gen Entwicklungen des Dreißigjährigen Kriegs bzw. des Spanischen Erbfolgekriegs zu bestimmten Zeiten Konjunktur und damit verbunden die Möglichkeit einer öffentlichen Repräsentation etwa in Form von öffentlich sichtbaren Begräbnisplätzen und Grabsteinen. Seit 1705 konnte sich die Reformierte Gemeinde erst unter holländischem und dann unter preußischem Schutz dauerhaft etablieren. Eine rechtliche Gleichstellung erhielt die protestantische Bürgerschaft Viersens jedoch erst unter französischer (1794–1814) und an-schließend unter preußischer Herrschaft (ab 1814). Während des 19. Jahrhunderts erzielten im Zuge der Industrialisierung gerade protestantische Industrielle große ökonomischen Erfolge. Dem entsprechend wuchs zusammen mit der erheblich steigenden Bevölkerungszahl auch das Selbstbewusstsein und der Einfluss der evangelischen Gemeinde auf die Entwicklung der Stadt. So wurden etwa seit der Mitte des 19. Jahrhunderts neue evangelische Institutionen und Vereine gegründet, darunter mehrere Schulen und Jugendvereine. Im Jahr 1872 erfolgte der Neubau des Pfarrhauses anstelle des alten Predigthauses. Nur wenige Jahre später, in den Jahren 1878 bis 1879, wurde mit dem Bau einer neuen, das Stadtbild bis heute prägenden neugotischen Pfarrkirche an der Viersener Hauptstraße begonnen. Der Bau dieser nach Plänen des Architekten August Hartel errichtete Kirche mit ihrer Westfassade aus Rotsandstein wurde auch durch die finanziellen Zuwendungen wohlhabender Gemeindemitglieder ermöglicht. Seit 1825 befand sich östlich des Kirchgrundstücks der evangelische Friedhof. Nach etwa sechzigjähriger Nutzung zeichnete sich jedoch ab, dass der Platz bald nicht mehr ausreichen würde. Eine Erweiterung kam aufgrund des begrenzten innerstädtischen Bauplatzes und den geforderten hygienischen Standards nicht in Frage, sodass man sich 1889 schließlich für eine Erweiterung des 1866/67 begründeten Friedhofs auf der Löh um einen evangelischen Teil entschied. Der alte Friedhof wurde im Jahr 1893 geschlossen, die Einweihung des neuen erfolgte am 30.07.1895.

Damit wurde die bis dahin selbstverständliche Zusammengehörigkeit von Kirche und Friedhof aufgelöst. Diese Entwicklung lässt sich im 19. Jahrhundert allgemein feststellen und erfolgte in den wachsenden Städten des Industriezeitalters nicht nur aus Platzgründen, sondern auch aus hygienischen Überlegungen. Zudem entsprachen die weitläufigen Friedhöfe mit ihren parkartig gestalteten Grünanlagen den stadtplanerischen Idealen dieser Zeit sowie auch einem allgemeinen Bedürfnis der Naherholung.

Begründung des Denkmalwerts
Das evangelische Friedhofsportal bildet in seiner Funktion als Durchgangsmedium vom profanen Stadtraum zum sakral aufgeladenen Friedhofsareal einen substanziellen Be-standteil des Friedhofs. Als Zeichen für die zeittypische Bestattungspraxis in den industrialisierten Städten des späten 19. Jahrhunderts ist es bedeutend für die Geschichte des Menschen. Diese Bedeutung wurde auch von der UNESCO-Kommission erkannt: Seit 2020 ist die Friedhofskultur in Deutschland als immaterielles Kulturerbe gelistet.

Als Teil einer Friedhofserweiterung des späten 19. Jahrhunderts ist das Portal ebenfalls bedeutend für Städte und Siedlungen: Es verdeutlicht auf eindrückliche Weise die Siedlungsentwicklung Viersens von einem kleinteiligen Dorf zu einer industrialisierten Stadt mit einem außerhalb des Stadtkerns gelegenen Bestattungsplatz. Dieser Bereich berührt zugleich auch die wissenschaftliche Bedeutung des Portals, indem es einen zentralen Bestandteil für das Verständnis und die Erforschung der sowohl der Konfessions- als auch der Siedlungsgeschichte darstellt. Zudem steht das Friedhofsportal in einer langen Tradition umfriedeter Bestattungsplätze wie sie in der christlichen Kultur seit dem Frühmittelalter belegt sind und kann zugleich als zeittypischer Vertreter dieser Gattung gelten.

In seiner Positionierung am Hoserkirchweg, einer bereits im 16. Jahrhundert erstmals erwähnten Straße, dem leichten Rückversatz und der sich dadurch ergebenen dreieckigen Platzanlage hat das Portal zudem eine städtebauliche Bedeutung.

Die hochwertige architektonische Qualität in Verbindung mit bildhauerischen Elementen des Portals begründet zudem seine künstlerische Bedeutung.

Schutzumfang
Aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte des Menschen und für die Stadt Viersen sowie aus wissenschaftlichen, städtebaulichen und künstlerischen Gründen handelt es sich bei dem Portal mit seinen beweglichen gusseisernen Torflügeln gemäß §2 Denkmalschutzgesetz NRW um ein Baudenkmal.
Im Umgebungsschutz zu beachten sind insbesondere die Freistellung des Portals wie auch der Raum des dreieckigen Vorplatzes und die geradlinige Wegeführung innerhalb des Friedhofs mit Bezug auf die ehemalige evangelische Friedhofshalle.

Quellen
Landschaftsverband Rheinland, Amt für Rheinische Landeskunde (Hg.): Rheinischer Städteatlas, Nr. 34. Viersen (Kr. Kempen-Krefeld); heute Kr. Viersen, bearb. v. Karl L. Mackes, Köln / Bonn 1980.
Zeitungsartikel, Viersener Bürgerzeitung vom 11.11.1891.
Zeitungsartikel, Viersener Zeitung vom 25.06.1896.

Literatur
Arbeitskreis für stadtgeschichtliche Publikationen (Hg.): Viersen im Wandel der Zeiten. Straßenbilder, Viersen 2018.
Tamm, Horst (Hg.): Die evangelische Kirchengemeinde in Viersen. 300 Jahre Gemeindeleben 1705–2005, Duisburg 2004.
Tamm, Horst / Klaue, Karin: Der alte evangelische Friedhof in Viersen. Geschichte und Restaurierung, in: Heimatbuch Kreis Viersen, 72 (2021), S. 327–344.

Stand
Johanna Beutner/ Dr. Marco Kieser
Wissenschaftliche Referenten/ Inventarisation
LVR/ Amt für Denkmalpflege im Rheinland
Objektbegehung am 23.10.2024