Listenart | religiöse Denkmäler |
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Listennummer | 565 |
Baujahr | 1868 |
Eingetragen seit | 05.03.2025 |
Flur / Flurstück | 102/1122 |
Adresse |
Hoserkirchweg 45
41747 Viersen |

Baujahr: 1868
Das katholische Friedhofsportal wurde wahrscheinlich im Zuge der Anlage des neuen ka-tholischen Friedhofs auf der Löh im Jahr 1868 errichtet. Zusammen mit der katholischen Friedhofskapelle gehört es zum ältesten Teil des nach wie vor genutzten und sukzessive erweiterten Friedhofs. Dieses durch Zierformen bereicherte Backsteinportal stellt einen im 19. Jahrhundert in Zusammenhang mit Friedhöfen und/oder Sakralbauten verbreiteten Tortypus in neugotischen Formen dar.
Lage
Das ehemalige katholische Friedhofsportal liegt an der Nordostecke des Friedhofs Löh, der sich L-förmig entlang des Löhwegs und dem Hoserkirchweg bzw. „Zu den Mühlenkirchen“ erstreckt. Die Erschließung des Portals erfolgt heute wie auch zu seiner Errichtungszeit über die Petersstraße, die von Osten her direkt am Portal vorbeiführt und dahinter als Löhweg fortläuft. Eine Abzweigung dieser Straße führt direkt auf das Portal zu, an dessen Rückseite eine kleine, rechteckige Platzanlage angrenzt. Von dort aus zweigen zwei Wege in die Friedhofsanlage ab, von denen der eine parallel zum Löhweg verläuft, während der andere leicht bergauf zur ehemaligen katholischen Friedhofskapelle hinleitet.
Geschichte
Viersens alter katholischer Friedhof, dessen Tradition als Bestattungsplatz bis ins Frühmittelalter zurückreicht, lag bis ins 19. Jahrhundert in unmittelbarer Umgebung der katholischen Pfarrkirche St. Remigius. Kirche und Kirchhof bildeten über das gesamte Mittelalter und die Frühe Neuzeit eine Einheit, die auch während der französischen Besetzung (1794–1815) und preußischen Zeit (ab 1815) – anderslautenden Gesetzesvorschriften zuwider – nicht aufgelöst wurde. Selbst als im Zuge der rasant ansteigenden Bevölkerungsentwicklung im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts der alte Friedhof längst zu klein geworden war, entschied man sich statt einer Verlegung 1827/28 zunächst für eine Erweiterung des Kirchhofs nach Osten. Noch in den Jahren 1841/42 erfolgte eine letzte Erweiterung des alten Bestattungsplatzes. Bald jedoch zeichnete sich die nicht nur aus platztechnischen, sondern auch aus hygienischen Gründen nicht mehr haltbare Situation des Friedhofs ab.
Als neuen Bestattungsplatz wählte man die „Löh“, eine westlich außerhalb der Stadt gelegene Erhebung. Der neue Friedhof wurde im Jahr 1866 geweiht, die Weihe der Friedhofskapelle erfolgte zwei Jahre später. Der neue Friedhof überstieg die Grundfläche der alten innerstädtischen Anlage um ein Vielfaches und entsprach zudem mit der parkartigen Gestaltung dem aktuellen Standard seiner Zeit.
In seiner heutigen Gestalt ist der Friedhof Löh das Ergebnis einer mehrfachen Erweiterung und Umgestaltung, allerdings ist sein ältester Kern mit katholischer Friedhofskapelle, katholischem Friedhofsportal und dem 1896 hinzugekommenen Friedhofskreuz aufgrund der rechtwinkligen Wegeführung noch zu erahnen.
Beschreibung
Das ehemalige katholische Friedhofsportal ist eine aus Backstein errichtete freistehende Toranlage in neugotischen Formen. Der schmale, auf einem niedrigen, gemauerten Sockel gründende Bau zielt einzig auf eine Wirkung in Längserstreckung. Hier öffnet sich das Portal zu einem hohen mittleren Spitzbogen, der von einem getreppten Giebel mit einem steinernen Kreuz bekrönt wird, und zu zwei niedrigeren seitlichen Spitzbögen. Diese drei Achsen werden zusätzlich durch eine Untergliederung mit vier Mauerpfeilern betont, wobei die das Mittelfeld flankierenden Pfeiler höher und breiter ausgeführt sind als die äußeren beiden. Die dunkelrote Backsteinoberfläche des Portals wird durch eine vorgeblendete Maßwerkgliederung aus orangem Backstein bereichert. Diese besteht in den Portalfeldern aus schmalen Lisenen, die in einem Nonnenkopffries enden. Im Mittelfeld ist dieser Fries entsprechend der Stufung des Treppengiebels gestaffelt, während er in den Seitenfeldern waagerecht verläuft. Die Mauerpfeiler besitzen eine schlichte, vorgelegte Rahmung. Die Laibungen der spitzbogigen Portalöffnungen bestehen aus einem schwärzlichen Backstein. Die mittlere Öffnung besitzt zu beiden Seiten ein profiliertes Gewände aus Rundstab und Hohlkehle, während die Seitenöffnungen nur ein schmales Stabprofil aufweisen. Das schmiedeeiserne Gittertor des Mittelportals und die Gitter der seitlichen Öffnungen wurden zu einem nicht näher bekannten Zeitpunkt erneuert.
Ursprünglich besaßen die vier Mauerpeiler eine Zinnenbekrönung, die auf einem kassettierten Kämpferfeld ruhte. Diese Zinnenbekrönung verlieh den Mauerpfeilern den Charakter von kleinen Wehrtürmen und ließ das Portal insgesamt trutzig wirken. Heute werden die Mauerkronen von flachen Natursteinplatten bedeckt.
Begründung des Denkmalwerts
Das katholische Friedhofsportal bildet in seiner Funktion als Durchgangsmedium an der Schwelle vom profanen Stadtraum zum sakral aufgeladenen Friedhofsareal einen substanziellen Bestandteil der historischen Friedhofsanlage. Als Zeichen für die zeittypische Bestattungspraxis in den industrialisierten Städten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist es bedeutend für die Geschichte des Menschen. Mit der Aufgabe des innerstädtischen Friedhofs der katholischen Gemeinde im Jahr 1866 wurde die bis dahin selbstverständliche Zusammengehörigkeit von Pfarrkirche und Friedhof aufgelöst. Die Bestattungen verlagerten sich nun an den Stadtrand. Nach wie vor fanden sie in einem umfriedeten Areal statt, dieses war allerdings gegenüber den beengten innerstädtischen Verhältnissen erheblich aufgelockert und in eine weitläufige Grünanlage integriert. Diese Entwicklung lässt sich im 19. Jahrhundert allgemein feststellen und erfolgte in den wachsenden Städten des Industriezeitalters nicht nur aus Platzgründen, sondern auch aus hygienischen Überlegungen. Zudem entsprachen die weitläufigen Friedhöfe mit ihren parkartig gestalteten Grünanlagen den stadtplanerischen Idealen dieser Zeit sowie auch einem allgemeinen Bedürfnis der Naherholung.
Die Bedeutung dieser Bestattungskultur wurde auch von der UNESCO-Kommission erkannt: Seit 2020 ist die Friedhofskultur in Deutschland als immaterielles Kulturerbe gelistet.
Als Ursprungsbau der Friedhofsneuanlage im 19. Jahrhundert ist das Portal zudem bedeutend für Städte und Siedlungen. Es verdeutlicht auf eindrückliche Weise die Siedlungsentwicklung Viersens von einem kleinteiligen Dorf zu einer industrialisierten Stadt mit einem außerhalb des Stadtkerns gelegenen Bestattungsplatz.
Für die Erhaltung und Nutzung des katholischen Friedhofportals liegen zudem wissenschaftliche, hier konfessions- und siedlungsgeschichtliche sowie architekturhistorische Gründe vor. Wie oben dargelegt, stellte die Gründung des neuen Friedhofs an der Löh im Jahr 1866 eine Zäsur für die Entwicklung der katholischen Gemeinde Viersens dar. Durch die Verlagerung des Friedhofs an den Stadtrand änderte sich die über viele Jahrhunderte gewachsene Bestattungspraxis dramatisch. Dies hatte bedeutende Auswirkungen auf das katholische Gemeindewesen und ebnete nicht zuletzt auch den Weg für eine Parallelentwicklung in der evangelischen Gemeinde Viersens, die sich wenige Jahrzehnte später mit der Auslagerung des evangelischen Friedhofs auf die Löh vollzog. Die Schaffung eines neuen Bestattungsplatzes veränderte die bisherige Siedlungsstruktur und prägt sie bis heute: Nach wie vor bildet der Friedhof Löh eine großzügige, begrünte Freifläche am Viersener Stadtrand.
Als repräsentatives Durchgangsportal in neugotischen Formen kann das Friedhofsportal zudem als zeittypischer Vertreter einer bestimmten Architekturgattung gelten. Als Friedhofsportal steht es in einer langen Tradition umfriedeter Bestattungsplätze wie sie in der christlichen Kultur seit dem Frühmittelalter belegt sind. In seiner repräsentativen Ausgestaltung verkörperte es zugleich das Selbstverständnis der katholischen Gemeinde Viersens. Der Architektur kam in diesem Fall also eine besondere Stellung als Kommunikationsmedium zu.
Schutzumfang
Aufgrund seiner Bedeutung für die Geschichte des Menschen und für die Stadt Viersen sowie aus wissenschaftlichen, städtebaulichen, künstlerischen, konfessions- und siedlungsgeschichtlichen Gründen handelt es sich bei dem Portal gemäß §2 Denkmalschutzgesetz NRW um ein Baudenkmal.
Quellen
Rheinischer Städteatlas Viersen, bearbeitet von Karl L. Mackes (Lfg. VI, Nr. 34), Köln.
Literatur
-Habersack, Michael: Der Remigius-Kirchhof. Lage und Entwicklung von Viersens altem katholischem Friedhof, in: Heimatbuch Kreis Viersen, 75 (2024), S. 131–146.
Stand
Johanna Beutner/ Dr. Marco Kieser
Wissenschaftliche Referenten/ Inventarisation
LVR/ Amt für Denkmalpflege im Rheinland
Objektbegehung am 23.10.2024