Listenart | religiöse Denkmäler |
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Listennummer | 561 |
Baujahr | - |
Eingetragen seit | 28.02.2025 |
Flur / Flurstück | 102/1122 |
Adresse |
Hoserkirchweg 45
41747 Viersen |

Geschichte
Im Mittelalter wurden die Toten direkt neben der Kirche auf den Kirchhöfen bestattet. Diese unmittelbare Nähe der Kirche sollte auch die Nähe zu Gott symbolisieren. Mit schwindendem Einfluss der Kirche und dem Sieg der Aufklärung gewann die Sorge um die Gesundheit der Lebenden und den damit verbundenen hygienischen Erwägungen mehr Gewicht als die Sorge um das Seelenheil der Toten. So führten die Missstände auf dem katholischen Friedhof an der Pfarrkirche Remigius – üble Gerüche, Mehrfachbestattungen in einem Grab – sowie auf dem evangelischen Friedhof hinter der Kreuzkirche – Trinkwasserbelastung – dazu, dass 1866 ein kommunaler Friedhof an der Löh angelegt wurde.
Bei der Gestaltung bevorzugt man „Parkfriedhöfe“, die Landschaftsgärten nachempfunden wurden. Der Viersener Friedhof ist dafür ein schönes und gutes Beispiel. Die gärtnerische Nachahmung der Natur dient der Beförderung der Vorstellung, dass der Hingeschiedene in den Schoß der Natur zurückkehrt. Er bleibt nicht bei den Lebenden, wie auf den mittelalterlichen Friedhöfen, sondern wird der Erde zurückgegeben, von der er genommen war.
Den beiden großen Konfessionen trug man bei der Anlage des Friedhofs Löh Rechnung, in dem man zwei Friedhofskapellen errichtete und dem jeweiligen Leichenzug einen separaten Zugang auf den Friedhof durch ein repräsentatives Tor ermöglichte. Unmittelbar an den Friedhofskapellen finden sich auf großen Grabstätten mit meist imposanten Grabsteinen die wichtigen Familien und Persönlichkeiten, die die Stadt Viersen in wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftliche und / oder kirchlicher Hinsicht prägten.
Beschreibung
Das repräsentative, aufwendig gearbeitete Sandsteinmonument ist im Sockelbereich triptychal angeordnet. Der aufragende Mittelteil besteht aus einem gotischen Spitzbogen auf einem tabernakelartigen Sockel. Der Spitzbogen ist reich mit Krabben besetzt. Er trägt auf seiner Spitze eine Kreuzblume und seitlich zwei niedrige Fialen. Er wird zudem bekrönt von einem massiven Kreuz mit ausladenden, reich mit floralem Ornament besetzten Kreuzenden. Das Giebelfeld des Spitzbogens trägt ein symmetrisch ausgelegtes Blattornament mit einer mittigen Blüte. Zwei Blendsäulen mit Kapitellen, verziert mit verschiedenem Blattwerk wie Efeu- und Eichenblättern, fassen das Bogenfeld, in dem sich das aus dem Stein gearbeitete Relief eines schwebenden Engels befindet.
Das bodenlange, fließende Gewand mit reichlichem Faltenwurf umgibt den ganzen Körper, der etwas seitlich versetzt steht. Sein linkes Bein ist leicht angewinkelt. Seine Tunika hat einen rechteckigen Halsausschnitt mit einer umfassenden Borte. Wie ein Kettenhänger wirkt das er-habene Kreuz, das mit einer Fibel in der Mitte der Borte in Brusthöhe aufgebracht wurde. Der Kopf ist leicht zur Seite geneigt. Seine Augen und sein Mund sind geschlossen. Seine Gesichtszüge sind glatt und nahezu ohne Regung. Sein lockiges Haar ist mittig gescheitelt. Die Tänie (Kopfbinde) hält den angedeuteten Schleier und ist mittig mit einem Stern verziert. Seine körpergroßen ausgebreiteten Flügel zeigen ein deutlich ausgearbeitetes Federkleid. In der rechten Hand trägt der Engel einen Palmwedel, mit der linken, herabhängenden Hand streut er Blüten. Seine Darstellung verweist auf die Nazarener, wie zunächst die Anhänger Jesu nach seinem Kreuzestod bezeichnet wurden. Heute werden als Nazarener Künstler des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bezeichnet, deren künstlerisches Werk religiösen Inhalt hatte. Sie sahen sich der vorreformatorischen Zeit verpflichtet. Lustvolle Engel des Barocks wurden von ihnen strikt abgelehnt.
Engel spielen in vielen Kulturen eine wichtige Rolle. Im Judentum, im Islam und im Christentum sind Engel Boten oder Geistwesen, die als Vermittler zwischen Himmel und Erde fungieren. Als Grabengel sollen sie eine Verbindung zwischen dem Verstorbenen und seiner Familie herstellen. Als Schutz für den Verstorbenen soll der Engel ihn auf seiner letzten Reise begleiten. Der Palmzweig verstärkt diesen Wunsch. Er erinnert an den Einzug Jesus in Jerusalem und seine Begrüßung durch das Volk. Er steht für die Auferstehung der Toten und ihren Empfang im Jenseits.
Der Sockel ist gestaltet in Form eines Tabernakels mit Zeltdach. Auf dem Dach findet sich in aufgesetzter Fraktur die Inschrift:
Ruhestätte der Familie
Wilh. Sommer
Niedrige Blendsäulen, deren Mittelelemente aus schwarzem Marmor gearbeitet sind, tragen mit Blüten geschmückte Kapitelle. Sei fassen eine tiefgelegte, in Blendwerk gefasste Marmorplatte mit der Inschrift:
WILHELM SOMMER
* 29.4.1852 + 26.12.1922
CHRISTINE SOMMER
* 7.12.1898 + 7.4.1977
In triptychaler Anordnung, in Höhe des Tabernakels, finden sich zwei mit versetzten Satteldächern gearbeitete Seitenelemente. Sie enden in leicht erhöhten Seitenpfeilern mit flachen, oktogonalen Kuppeln. Die Seitenelemente tragen die in Blendwerk gefassten, schwarzen Schrifttafeln.
linke Seite:
GERTRUD SOMMER
* 21.11.1856 + 5.3.1893
JOSEFINE SOMMER
* 15.3.1901 + 27.3.1981
rechte Seite:
CHRISTINE SOMMER
* 8.3.1866 + 27.2.1940
AMELIE SOMMER
* 21.1.1906 + 17.3.1993
Familie
Wilhelm Sommer wurde am 29.04.1852 in Krefeld-Linn geboren. In den 1870er Jahren ließ er sich als Stein- und Bildhauer in Viersen nieder. Mit der Errichtung seines Wohnhauses nebst Werkstattgebäude und „Ausstellungsraum für Grabdenkmäler“ in einer Freifläche in unmittelbarer Nähe des Friedhofs Löh avancierte Wilhelm Sommer zum prominentesten Vertreter unter den ortsansässigen Steinmetzbetrieben. In Anzeigen warb er für seine Spezialität: Grabdenkmäler, mit billigsten Bezugsquellen und großer Ausstellung von Grabsteinen. Auf seinem Firmenbriefkopf ist zum einen seine Schleiferei und Sandstrahlbläserei mit Dampfbetrieb in Mönchengladbach dargestellt, die Glasfirmenschilder in allen Ausführungen fertigt, zum anderen der Steinmetzbetrieb in Viersen, der eigenen Entwürfe anpreist und die große Auswahl an Grabdenkmälern in Granit, Syenit, Marmor und Sandstein. Aus seiner Werkstatt stammen denkmalgeschützte Objekte u.a. Mönchengladbach-Venn (Friedhofskreuz, 1885), Süchteln (Wegekreuz/Ehrenmal Rheinstraße), Brüggen (Jüdischer Friedhof), Brüggen-Heidhausen (Wegekreuz) und auf dem Friedhöf Löh. Hervorzuheben sind hier die monumentale Grabwand für die Grabstätte der Familie des Kommerzienrates Friedrich Paul Greef sowie Grabstätten für die Mitglieder der eigenen Familie.
Wilhelm Sommer starb am 26.12.1922 in Viersen. Neben ihm bestattet sind seine beiden Ehefrauen und seine drei unverheirateten Töchter.
Denkmalwert
Die Familiengrabstätte ist typisch für den repräsentativen Anspruch des damaligen Bürgertums. Mit Anlegung des neuen Friedhofs auf der Löh spiegelte sich auch in der Ausgestaltung der Grabstätte die gesellschaftliche Stellung in den Familiengräbern nieder, eine typische Entwicklung der Sepulkralkultur des 19. Jahrhunderts. Während die weniger Bemittelten in einem Reihengrab, meist schmucklos und räumlich getrennt, bestattet wurden, erwarben sich die gehobenen bürgerlichen Kreise Familienwahlgräber. Sie zierten ihre Gräber mit aufwendigen Denkmälern. Die Grabstelle liegt in unmittelbarer Nähe der katholischen Totenhalle, des Hochkreuzes und der Priestergrabstätte.
Als Grablege eines in Viersen bekannten Unternehmers und Zeugnis der Viersener Stadt- und Wirtschaftsgeschichte ist die Grabanlage bedeutend für Städte und Siedlungen, hier die Stadt Viersen.
Zum Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt sich der Einfluss neugotischer Stielelemente im Kirchenbau und in der Sepulkralkunst. Die „Neogotik“ entsprang einer Kunstrichtung, die von der Wiederaufnahme des Kölner Dombaus beeinflusst worden war. Besonders beliebt sind Fialen und gotische Kapellen. Wilhelm Sommer lässt ihn seinem eigenen Grabstein neben Fialen, Spitzbogen und Kreuzblumen zahlreiche neugotische Form- und Ornamentelemente zusammenfließen. Dies führt zu einer sehr dichten Komposition. Hervorzuheben ist das sehr differenziert und anrührend gearbeitete Relief des schwebenden Engels.
Aus künstlerischen und wissenschaftlichen, insbesondere sepulkralgeschichtlichen und lokalhistorischen Gründen liegen Erhaltung und Nutzung der Grabanlage der Familie Greef gemäß § 2 (1) Denkmalschutzgesetz im öffentlichen Interesse.
Quellen
Familienanzeigen aus Viersener Zeitungen
Stadtarchiv Viersen
Literatur
Norbert Fischer: „Vom Gottesacker zum Krematorium – Eine Sozialgeschichte der Friedhöfe in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert“,
überarbeitete Fassung der Dissertation an der Universität Hamburg, 1995
Arie Nabrings – Astrid Opitz: „Der evangelische „Friedhof in Viersen“, Viersen 1990
Stand
Fachbereich 63 - Bauordnung
Untere Denkmalbehörde
Viersen, den 17.01.2025
gez. Westerhoff