Wohnhaus Krefelder Straße 29

Baudenkmal Details
Listenart städtische Denkmäler
Listennummer 560
Baujahr -
Eingetragen seit 27.02.2025
Flur / Flurstück 13/678
Adresse
Krefelder Straße 29
41748 Viersen
Wohnhaus Krefelder Straße 29 - Denkmal 560
Bauherr: Peter Steffes, Kaufmann und Speditionsbesitzer
Baujahr: 1935
Entwurf: Josef Gormanns junior, Architekt

Beschreibung
Der Bauherr des Hauses, der Kaufmann Peter Wilhelm Steffes jr. (1895 – 1968), war Inhaber der auf dem rückwärtigen Gelände zum Güterbahnhof hin gelegenen Spedition, der früheren Firma von Gottfried Gold, deren Anfänge in das 19. Jahrhundert zurückreichten und die 1910 von Peter Johann Steffes sen. übernommen worden war (Viersener Zeitung 13.04.1910).

Das beidseitig in eine straßenbegleitende Reihe von Häusern eingebaute Wohnhaus ist ein zweigeschossiges traufständiges Gebäude mit Ziegelfassade und Satteldach. Auf der Straßenseite ist links über ca. 2/3 der Breite ein flach gedecktes Zwerchhaus aufgesetzt, das direkt an die Nachbarbebauung anschließt, so dass hier in der Ansicht eine Dreigeschossigkeit entsteht. Drei Achsen mit breiten zweiflügligen Fenstern strukturieren die Fassade; der Eingang befindet sich in der rechten, zweigeschossigen und leicht vorgezogenen Achse. Der Eingang mit originaler Haustür, rechts begleitet von einem kleinen hochrechteckigen Fenster, wird von einem Ziegelband umrahmt, dessen Steine die dunklere Farbe der Sockelverkleidung aufnehmen. Ebenfalls ist die Trauflinie durch stehend versetzte dunklere Steine akzentuiert. Die Ziegel der Fassadenfläche sind im zur Bauzeit beliebten märkischen Verband versetzt; die Bindersteine sind dabei dunkler als die Läufer, so dass ein regelmäßiges Farbspiel in der Ansicht entsteht. Die Absetzung des Eingangsrisalits mit seitlich abgerundeten Steinen trägt zusätzlich zur Fassadengestaltung bei. Auch die Eingangsstufen sind nach außen abgerundet.

Die Fenster sind zweiflüglig ohne Oberlicht; die Fensteröffnungen sind ohne Rahmung oder Absetzung einer Sturzmauerung in die Wand eingeschnitten. Links neben dem Eingang ist noch ein aufgemalter Buchstabe „h“ (?) in weißer Farbe erkennbar, möglicherweise ein Luftschutzzeichen aus dem Zweiten Weltkrieg. Mit „H“ wurden Hydranten / Wasserentnahmestellen gekennzeichnet.

Die Rückseite ist ebenfalls backsteinsichtig, im Detail aber etwas schlichter gestaltet. Die Fensteröffnungen besitzen hier einfache Sturzmauerungen. Der bauzeitliche Wintergarten ragt im Erdgeschoss rechts etwas hervor. Darauf befindet sich eine „Veranda“ für das Schlafzimmer im Obergeschoss. Über dem Wintergarten betont ein Zwerchhaus, nicht ganz so breit wie vorne und ebenfalls flach gedeckt, die rechte Hälfte.

Im Inneren sind in großen Teilen noch Grundriss und Ausstattung aus der Bauzeit erhalten. Hinter dem Eingang führen drei Stufen auf das Erdgeschossniveau, zunächst in einen kleinen Treppenhausflur mit einer platzsparend nach oben gewendelten Holztreppe mit Oberlicht-Belichtungen im Dach. Diese besitzt zeittypisch eine geschlossene Brüstung mit einem auf kleinen Abstandhaltern „schwebenden“ hölzernen Handlauf. Im Erdgeschoss ist der Flurboden mit Solnhofener Platten belegt, in der Küche ein dunkler Terrazzoboden. Zwischen dem ehemaligen „Herrenzimmer“ vorn und dem rückwärtigen Wohnraum ist eine breite hölzerne Falttür erhalten. Der Wohnraum ist nach hinten bereits ursprünglich durch einen kleinen Wintergartenausbau erweitert; hier ist ein bemerkenswertes bauzeitliches Schiebefenster mit originaler Mechanik erhalten. In den oberen Geschossen gibt es Dielenböden; im Haus verteilt sind zum Teil alte Türen mit zugehörigen Beschlägen und Türrahmungen.
Der Grundriss ist insgesamt erkennbar unter Beibehaltung von Fluren und Verkehrsflächen kompakt und funktional gehalten, kurze gefangene Mittelflure sind auf ein Minimum beschränkt.

Bedeutung und Denkmalwert
Das Wohnhaus ist bedeutend für Städte und Siedlungen, hier die Architekturgeschichte von Viersen und der Region in den 1930er Jahren. Es ist ungewöhnlich gut und anschaulich erhalten und daher geeignet, der Forschung zur Geschichte Viersens in bau- und ortsgeschichtlicher Hinsicht als materielle Quelle zu dienen. An seiner Erhaltung und Nutzung besteht daher aus wissenschaftlichen Gründen ein Interesse der Allgemeinheit. Hinzu kommen aufgrund des regional sehr zeittypischen Stils auch künstlerische Gründe.

Das 1935 nach Entwurf des Architekten Josef Gormanns jr. für den Kaufmann Peter Steffes jr. errichtete Wohnhaus ist ein bemerkenswertes Zeugnis der regionalen und örtlichen Architektur der Zwischenkriegszeit im 20. Jahrhundert, hier insbesondere der 1930er Jahre.

Von architekturgeschichtlichem Interesse ist das Haus vor allem, weil es den älteren Typus eines gründerzeitlichen städtischen Reihenwohnhauses in zeittypischer moderner Formensprache in die 1930er Jahre tradiert. Im Gegensatz zur historistischen Schmuckfassade findet sich hier ein sachliches, ornamentloses Äußeres, das seine Gestaltqualitäten primär durch die Proportionierung des Verhältnisses Wand/ Öffnungen und die herausgestellten Materialqualitäten des Ziegels einschließlich des charakteristischen und farbig abwechselnden Steinverbandes bezieht. Hinzu kommt die um 1930 in der „Backsteinmoderne“ des Rhein-Ruhr-Raumes ebenfalls zeittypische Betonung von geometrischen Formen, hier z.B. mit der auffallenden Sockellinie, die zusätzlich um den Eingang herum nach oben gezogen ist, womit – im Rahmen des bescheidenen Umfangs des Baues – eine Idee „expressionistischer“ Motive verbunden ist. Von besonderem Interesse ist, dass diese auf den ersten Blick durchaus „moderne“ Gestaltungsweise hier noch Mitte der 1930er Jahre, also bereits in der NS-Zeit praktiziert wird, was einfache ideologische Zuschreibungen des Stils relativiert, vor allem aber die weitreichende Wirkung einer modernen, durchaus auch an niederländischen Vorbildern orientierten Backsteinarchitektur in der Region überliefert. In dieser Hinsicht bemerkenswert ist auch der Formwandel, den das rechte Nachbarhaus Krefelder Straße 27 zwischen zwei Entwürfen 1927 und 1936 genommen hat, indem dort eine der Krefelder Straße 29 ähnliche Reduktion der Formen vorgenommen wurde.

Das Haus zeigt ferner, dass und wie Mitte der 1930er Jahre eine bestimmte Mittelschicht ihre Vorstellungen von einem zeitgemäßen eigenen Wohnhaus im wirtschaftlichen Aufschwung nach der Weltwirtschaftskrise wieder umsetzen konnte. Von ortsgeschichtlicher Bedeutung ist in diesem Zusammenhang, dass der Bauherr Peter Steffes jr. mit seiner eigenen Spedition zur Bauzeit auch das historisch bedeutendere Fuhrunternehmen Gold übernommen hatte. In Bezug auf dessen alten Standort Ecke Petersstraße/ Gartenstraße schriebt der Heimatverein Viersen: „Die Hauderei von Theodor Gold war hier zu finden. Haudereien waren in früheren Zeiten Transportunternehmen, welche als Transportmittel Kutschen zur Verfügung stellten. Befördert wurden Waren, aber auch Fahrgäste. Die meisten Haudereien entstanden im 19. Jahrhundert. Zum Fuhrpark von Theodor Gold gehörte auch ein Leichenwagen. Sein Vater hatte ebenfalls ein Fuhrunternehmen. Er führte seinen Betrieb im Rintgen an der Heierstraße 11. Gottfried Gold war „Bahnamtlicher Güterbestätter“. Er hatte eine Vertrauensstellung und transportierte Güter im Auftrag der Bahn.“ (www.facebook.com/HeimatvereinViersen)

Wie der Lageplan zum Bauantrag des Hauses Krefelder Straße 29 zeigt, befand sich die Spedition Gold (Bes. Steffes) damals auch direkt am Güterbahnhof, hinter dem Wohnhausneubau.
Es handelt sich um einen gut erhaltenen, qualitätvoll durchgestalteten Bau der 1930er Jahre, der seinen Ursprung als Architektenentwurf zu erkennen gibt. An seiner Erhaltung und Nutzung besteht gemäß Denkmalschutzgesetz NRW aus künstlerischen und wissenschaftlichen Gründen ein Interesse der Allgemeinheit.

Das Haus ist vor allem geeignet, der wissenschaftlichen Forschung zur regionalen Architekturgeschichte im 20. Jahrhundert als materielle Quelle und Anschauungsobjekt zu dienen. Es gibt über die genannten stilistischen Gründe hinaus zudem Anlass, sich mit dem Werk seines Architekten Josef Gormanns jr. zu beschäftigen, insbesondere zu dessen Stellung und Bedeutung in den 1930er Jahren. Die Forschung zu dieser jüngeren Architekturgeschichte Viersens ist bislang nur in ersten Ansätzen, hauptsächlich durch die Inventarisation der Denkmalpflege, vorhanden. Anhand der bereits bekannten Bauten von Gormanns und zeitgenössischen Presseberichten ergibt sich als erster Überblick folgendes Bild: Josef Gormanns jr. hat nach dem Tod des Vaters 1929 dessen Architekturbüro und Bauunternehmen übernommen, in das er schon vorher als Kompagnon eingetreten war. Ein festes Standbein seiner Arbeit war offenbar seine Tätigkeit für die Gemeinnützige Baugenossenschaft Viersen, für die auch bereits sein Vater gearbeitet hatte (u.a. in der Siedlung Rahser). In der NS-Zeit fällt Gormanns als derjenige Architekt auf, der mit den wichtigen Bauvorhaben der Partei und der Kommune beauftragt wird. So plante er nicht nur das neue Bürgermeisterwohnhaus (Hohe Buschstraße 24), sondern laut Presseberichten auch die (nicht ausgeführten) Projekte Kreishaus (1936) und HJ-Heim (1939), gegenüber denen sich das Wohnhaus Peter Steffes durch seine in die 1920er Jahre zurückreichende Formgebung deutlich abhebt. Auch war Gormanns offenkundig in der Partei und im gesellschaftlichen und politischen Leben Viersens gut vernetzt, u.a. im Karneval, in der NS-Kulturgemeinde, im NSBDT (Bund Deutscher Techniker) und im NSKOV (Kriegsopferversorgung). Gegen Ende des Weltkriegs fällt sein Name noch als Führer einer Volkssturm-Einheit – außer als Architekt muss Gormanns also wohl auch als Funktionär im NS-System bezeichnet werden.

Im Sinne des Denkmalschutzgesetzes von künstlerischer, hier kunst- bzw. baugeschichtlicher Bedeutung ist das Haus wegen seines überraschend qualitätvollen zeitty-pischen Stils. Fassade und Raumausstattung sind durchaus modern gehalten, in der Art der modernen Backsteinarchitektur der späten 1920er Jahre. Das Wohnhaus zeigt ungewöhnlich anschaulich Bezüge und Kontinuitäten über die veränderten politischen Umstände hinweg. Wichtig sind hierfür die kubische Stufung des Fassadenumrisses, mit der der Anschluss an die Nachbarbebauung hergestellt wird und die flächige ornamentlose Ansicht, die ihre Gestalt allein aus Proportionen und den Materialqualitäten bezieht (Relief und variierende Farbigkeit des Backsteins). Der Gedanke einer modernen „niederrheinischen“ Backsteinarchitektur wirkt hier in der Alltagsarchitektur der (frühen) NS-Zeit fort. Die Ansicht des Hauses wirkt für die Zeit „modern“, erinnert nicht an Traditionalismen und Ideen vom bodenständigen „deutschen Haus“, wie sie in der NS-Zeit vertreten wurden. Auch im Inneren sind Elemente wie die nach oben geschwungene Treppe mit geschlossener Brüstung oder das Schiebefenster moderne Elemente, die so auch in den 1920er Jahren verwendet wurden.

Quellen
Ortstermin 24.09.2024
Bauakte der Stadt Viersen
Recherche Kreisarchiv Viersen (zu Peter Steffes jr.)
Diverse Presseartikel der 1920er und 1930er Jahre (im Portal zeitpunkt.nrw)

Stand
Dr. Marco Kieser
LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland
Wissenschaftlicher Referent
16.01.2025